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Schwindel in der Notaufnahme: Warum nicht immer das Ohr oder ein Schlaganfall schuld ist

Für Fachpersonal:

Wer neu aufgetretenen Drehschwindel, Benommenheit oder Gangunsicherheit in der Notaufnahme präsentiert, wird meist nach dem klassischen Schema „Schlaganfall vs. akute einseitige Vestibulopathie (AUVP)“ untersucht. Doch ein aktuelles Review von Lee et al. zeigt: Bis zu 50 % dieser Akutfälle haben eine ganz andere, oft internistische oder nicht-ischämische Ursache.

🔗 Lee SU, Edlow JA, Tarnutzer AA. Acute Vertigo, Dizziness and Imbalance in the Emergency Department—Beyond Stroke and Acute Unilateral Vestibulopathy—A Narrative Review. Brain Sci. 2025.

Originalstudie auf PubMed

Die unterschätzte Breite des akuten vestibulären Syndroms (AVS)

Akuter Schwindel und plötzliche Gangstörungen gehören zu den häufigsten Symptomen in Notaufnahmen und machen etwa 2,1 bis 4,4 % aller Fälle aus. Die große Herausforderung: Rund die Hälfte dieser Patient:innen leidet an einer systemischen Grunderkrankung, die nicht primär von den Hirngefäßen (Schlaganfall) oder dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr (AUVP) ausgeht. Das bedeutet, das Spektrum der Ursachen für ein echtes AVS ist weitaus größer als die beiden klassischen Diagnosen. Etwa 15 % dieser internistischen und medikamentösen Ursachen sind potenziell lebensbedrohlich, aber bei rechtzeitiger Diagnose gut behandelbar.

Gefährliche neurologische Ursachen (jenseits des Schlaganfalls)

Wenn die Ursache im zentralen Nervensystem liegt, muss es kein Hirninfarkt oder eine Hirnblutung sein. Folgende Erkrankungen können ein echtes akutes vestibuläres Syndrom auslösen:

  • Wernicke-Enzephalopathie (Thiamin-/Vitamin-B1-Mangel): Dieser neurologische Notfall tritt akut nach anhaltendem Erbrechen (z. B. in der Schwangerschaft), Mangelernährung oder chronischem Alkoholabusus auf. Typisch sind eine ausgeprägte Gangunsicherheit und subtile Augenbewegungsstörungen, wie ein anfänglich nach oben, später nach unten schlagender Nystagmus oder ein Blickrichtungsnystagmus. 

-> Klinischer Praxistipp: Bei begründetem Verdacht muss sofort hochdosiert Thiamin (200–500 mg 3x täglich) intravenös verabreicht werden – noch bevor die Laborwerte vorliegen!

  • Demyelinisierende Erkrankungen (z. B. Multiple Sklerose): Akute MS-Plaques im Bereich des Hirnstamms oder am Eintritt der Gleichgewichts-Nervenfaser können ein akutes vestibuläres Syndrom mit zentralen Augenzeichen auslösen.
  • Raumforderungen der hinteren Schädelgrube: Gut- oder bösartige Tumoren (wie Hirnstammgliome oder Kleinhirnmetastasen) können die zentralen Gleichgewichtsbahnen direkt komprimieren. Wenn das Tumorwachstum die Kompensationsmechanismen des Gehirns überschreitet oder sich ein umgebendes Ödem bildet, können Schwindel, Gangataxie und Erbrechen schlagartig einsetzen bzw. sich massiv verschlechtern – was klinisch dann fälschlicherweise wie ein akuter Schlaganfall wirkt.
  • Vestibuläre Migräne: Die allererste heftige Schwindelattacke einer vestibulären Migräne wird in der Akutsituation regelmäßig als Schlaganfall fehlinterpretiert. In der medizinischen Literatur sind Fälle dokumentiert, bei denen Patient:innen fälschlicherweise eine intravenöse Thrombolyse (ein starkes Medikament zur Blutgerinnsel-Auflösung) erhielten, weil die Symptome nicht richtig abgegrenzt werden konnten.

Gefährliche nicht-neurologische Ursachen

Wenn bei den Betroffenen kein Augenzittern (Nystagmus) vorliegt und die Beschwerden sich durch Kopfbewegungen nicht massiv verschlimmern, rücken internistische Auslöser in den Vordergrund:

  • Medikamenten-Intoxikation: Zu hohe therapeutische Spiegel von zentral wirksamen Medikamenten wie Antiepileptika (Phenytoin, Carbamazepin, Oxcarbazepin) oder Lithium können schweren, akuten Schwindel und Koordinationsstörungen auslösen.
  • Kardiovaskuläre Notfälle: Akute Herzrhythmusstörungen, ein Myokardinfarkt, eine Lungenembolie oder eine lebensbedrohliche Aortendissektion führen über einen plötzlichen Abfall des Blutdrucks und des Herzauswurfvolumens zu akutem Schwindel.
  • Elektrolytstörungen & Stoffwechselentgleisungen: Ausgeprägte Natriummängel (Hyponaträmie), schwere Magnesiummängel (Hypomagnesiämie – oft vergesellschaftet mit einem Downbeat-Nystagmus) oder ein akuter Abfall des Blutzuckers (Hypoglykämie) müssen labortechnisch ausgeschlossen werden.

Wichtig für die Praxis (De-Kompensation): Akute körperliche Belastungen wie hohes Fieber, Infekte, Dehydration oder Sauerstoffmangel können einen alten, eigentlich vom Gehirn längst gut ausgeglichenen Schaden des Gleichgewichtsorgans (z. B. nach einer Jahre zurückliegenden Neuritis) schlagartig wieder sichtbar machen. Die Betroffenen dekompensieren und wirken in der Notaufnahme wie ein akuter medizinischer Notfall.

Der strukturierte Weg zur Diagnose: TiTrATE

Um im hektischen Alltag der Notaufnahme schnell die richtige Richtung einzuschlagen, hilft das systematische TiTrATE-Konzept:

  1. Timing (Wie lange bestehen die Symptome? Kamen sie plötzlich oder schleichend?)
  2. Triggers (Werden die Episoden durch spezifische Reize wie Kopflagerung oder schnelles Aufstehen ausgelöst?)
  3. And Targeted Examination (Gezielte Untersuchung: Durchführung des HINTS-Tests zur Schlaganfalldiagnostik, gezielte Lagerungsprüfung sowie eine genaue Stand- und Gangprüfung).

👉 Du interessierst dich für eine fundierte Weiterbildung zur vestibulären Rehabilitationstherapie und wie du die klinischen Zeichen dieser komplexen Schwindelursachen richtig deutest und die Betroffenen nach der Akutphase gezielt und sicher rehabilitierst? 

Aktuelle Fortbildungsangebote und Kurstermine findest du in der IVRT-Fortbildungssuche.


Für Patientinnen – einfach erklärt

Schwindel in der Notaufnahme: Warum nicht immer das Ohr oder ein Schlaganfall schuld ist

Wenn man plötzlich heftigen Drehschwindel bekommt, sich ständig übergeben muss und kaum noch auf den Beinen stehen kann, führt der Weg meistens direkt in die Notaufnahme. Die größte Sorge ist dann fast immer: Ist es ein Schlaganfall? Oder ist das Innenohr entzündet?

Eine große medizinische Untersuchung zeigt aber: Bei fast der Hälfte aller Patient:innen hat der akute Schwindel eine ganz andere Ursache, die im restlichen Körper liegt.

📄 Lee SU, Edlow JA, Tarnutzer AA. Acute Vertigo, Dizziness and Imbalance in the Emergency Department—Beyond Stroke and Acute Unilateral Vestibulopathy—A Narrative Review. Brain Sci. 2025.

Zur Originalstudie

Hier ist eine einfache Übersicht, woran es – abseits von Schlaganfall und Ohr – noch liegen kann:

1. Probleme im Gehirn, die kein Schlaganfall sind

Das Gehirn steuert unser Gleichgewicht. Es kann aber auch durch andere akute Probleme gestört werden:

  • Ein plötzlicher, schwerer Vitamin-Mangel (Vitamin B1): Wenn man sich tagelang heftig übergibt (zum Beispiel in der Schwangerschaft) oder sehr schlecht ernährt, fehlen dem Gehirn schnell wichtige Nährstoffe. Das führt zu schwerem Schwindel, Sehstörungen und extremem Wackeln beim Gehen. Das Gute: Bekommt man das Vitamin schnell als Spritze oder Infusion, erholt sich das Gehirn meist rasch.
  • Multiple Sklerose (MS): Wenn ein neuer MS-Entzündungsherd genau an der Stelle im Gehirn entsteht, wo die Gleichgewichtsnerven einlaufen, kann das von einer Sekunde auf die andere heftigen Schwindel auslösen.
  • Knubbel oder Schwellungen (Tumoren): Wenn ein Tumor im hinteren Teil des Kopfes wächst, drückt er irgendwann auf die Gleichgewichtsbahnen. Das kann dazu führen, dass der Schwindel und die Übelkeit plötzlich massiv schlimmer werden.
  • Die vestibuläre Migräne: Das ist eine Migräne, die keinen Kopfschmerz macht, sondern heftigen Schwindel. Wer das zum ersten Mal erlebt, landet oft in großer Panik in der Klinik, weil es sich haargenau wie ein Schlaganfall anfühlt.

2. Probleme, die nicht im Gehirn liegen (Internistische Ursachen)

Manchmal sind die Gleichgewichtsorgane und das Gehirn völlig gesund, aber ein anderes Problem im Körper blockiert sie:

  • Nebenwirkungen von Medikamenten: Bestimmte Tabletten (vor allem gegen Krampfanfälle, starke Schmerzen oder zur Beruhigung) können das Gehirn so stark dämpfen, dass einem dauerhaft schwindelig wird, wenn die Dosis zu hoch ist.
  • Herz-Kreislauf-Notfälle: Wenn das Herz plötzlich stolpert, man einen Herzinfarkt oder ein Gerinnsel in der Lunge (Lungenembolie) hat, sackt der Blutdruck ab. Das Gehirn bekommt für einen Moment zu wenig Blut und signalisiert sofort: Schwindel!
  • Falsche Salzwerte im Blut: Wenn man nach einem schweren Magen-Darm-Infekt zu viel Flüssigkeit und wichtige Körpersalze (wie Natrium oder Magnesium) verliert, gerät die gesamte Elektrik im Körper durcheinander. Das macht extrem schwindelig und zittrig.

3. Das Rätsel vom „wiederbelebten“ Schwindel

Ein sehr häufiger Grund in der Notaufnahme ist die sogenannte De-Kompensation. Das bedeutet: Vielleicht hatten sie vor Jahren einmal eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs. Dein Gehirn hat diesen Schaden damals gelernt auszugleichen (zu kompensieren).

Wenn sie nun aber starkes Fieber, einen schweren Infekt oder einen extremen Flüssigkeitsmangel bekommen, ist dein Gehirn überlastet. Es schafft den Ausgleich nicht mehr. Der alte Schwindel flammt plötzlich wieder auf und fühlt sich an wie ein brandneuer Notfall, obwohl im Ohr gar nichts Neues passiert ist.

Was können sie tun?

In der Notaufnahme versuchen die Ärzt:innen mit einem festen System (TiTrATE) herauszufinden, was los ist: Sie fragen nach der Dauer (Timing) und den Auslösern (Triggers) und untersuchen deine Augen und deinen Gang (And Targeted Examination).

Sie helfen dem Team am meisten, wenn sie folgende Informationen parat haben:

  1. Einen aktuellen Medikamentenplan.
  2. Die Information, ob sievorher gefastet, Fieber oder tagelang erbrochen haben.
  3. Die genaue Info, ob der Schwindel ganz von alleine im Liegen kam oder erst, als sie den Kopf bewegt haben oder aufgestanden sind.

🎯 Unsere speziell ausgebildeten IVRT® Schwindel- und Vestibulartherapeut:innen unterstützen Sie: Nachdem die Ärzt:innen in der Notaufnahme gefährliche Ursachen ausgeschlossen haben, helfen wir ihnen. Mit ganz gezielten, wissenschaftlich geprüften Bewegungsübungen bringen wir ihrem Gehirn wieder bei, stabil zu arbeiten, damit sie ihre Sicherheit im Alltag zurückbekommen. Finden Sie spezialisierte KollegenInnen in unserer IVRT-Therapeutensuche

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