Für Fachpersonal:
Schwindel bei Kindern und Jugendlichen ist diagnostisch anspruchsvoll: Symptome werden je nach Alter anders beschrieben, mehrere Syndrome können sich ähneln und seltene zentrale oder systemische Ursachen dürfen nicht übersehen werden. Eine neue prospektive Kohortenstudie aus einem spezialisierten Schwindelzentrum zeigt, wie breit das Diagnosespektrum ist – und welche Erkrankungen besonders häufig waren.
Studiendesign
Die Forschenden analysierten prospektiv 519 Kinder und Jugendliche im Alter von 1 bis 18 Jahren, die sich zwischen August 2010 und Januar 2024 mit Schwindel oder Gleichgewichtsbeschwerden an einem spezialisierten Schwindel- und Gleichgewichtszentrums vorstellten.
Die Diagnostik umfasste eine strukturierte Anamnese sowie standardisierte neurologische, okulomotorische und neurootologische Untersuchungen. Apparative Tests – etwa vHIT, Kalorik, VEMP, Posturographie oder Audiometrie – wurden abhängig von Alter und klinischer Indikation ergänzt. Aus den wichtigsten Merkmalen entwickelten die Autor:innen mithilfe maschineller Lernverfahren einen diagnostischen Entscheidungsweg.
Die häufigsten Diagnosen
| Diagnosegruppe | Anteil |
| Vestibuläre Migräne des Kindesalters | 41 % |
| Persistierender postural-perzeptiver Schwindel (PPPD) | 18 % |
| Wiederkehrender Schwindel des Kindesalters | 10 % |
| Orthostatischer Schwindel | 6 % |
| Episodische Ataxie | 3 % |
| Heterogene seltenere Erkrankungen | 23 % |
Wichtig: Die Prozentwerte sind gerundet. Die 23 % „seltenere Erkrankungen“ bilden keine einheitliche Diagnosegruppe, sondern umfassten unter anderem Hirntumoren, genetische oder angeborene Erkrankungen und Infektionen.
Alter verändert das Diagnosespektrum
Bei Kindern unter 11 Jahren wurde häufiger ein wiederkehrender Schwindel des Kindesalters diagnostiziert. Bei Jugendlichen trat dagegen die vestibuläre Migräne des Kindesalters häufiger in den Vordergrund. Das spricht dafür, die Gewichtung möglicher Diagnosen an Alter, Entwicklungsstand und Art der Symptombeschreibung anzupassen.
Persistierender postural-perzeptiver Schwindel (PPPD) ist bei Kindern relevant
PPPD war mit 18 % die zweithäufigste Diagnosegruppe und ging in dieser Kohorte mit einer hohen Alltagsbelastung einher. Die Autor:innen beschreiben dabei Merkmale, die sich teilweise von erwachsenen Patient:innen unterscheiden. Der Begriff sollte deshalb nicht vorschnell mit jeder Form unspezifischen Schwindels oder automatisch mit dem adulten Erscheinungsbild einer PPPD gleichgesetzt werden.
Was bedeutet das für die Diagnostik?
- Schwindel bei Kindern ist kein „kleines Erwachsenenproblem“: Ursachen und klinische Präsentation sind altersabhängig.
- Eine strukturierte Anamnese sollte auch Kopfschmerz, Attackendauer, Auslöser, orthostatische Beschwerden, Familienanamnese und Einschränkungen in Schule und Freizeit erfassen.
- Neurologische, okulomotorische und neuroophthalmologische Befunde helfen, häufige Syndrome voneinander zu unterscheiden und Red Flags zu erkennen.
- Ungezielte breite Diagnostik – zum Beispiel eine MRT ohne klinischen Anhalt – lässt sich möglicherweise vermeiden, wenn Anamnese und Untersuchung klar strukturiert sind. Bei neurologischen Auffälligkeiten oder anderen Warnzeichen bleibt eine weiterführende ärztliche Abklärung selbstverständlich erforderlich.
| Praxisbotschaft: Schwindel bei Kindern nicht vorschnell als „Kreislauf“ oder „psychisch“ einordnen. Gleichzeitig bedeutet die Diagnoseverteilung aus einer Spezialambulanz nicht, dass jedes Kind eine umfangreiche apparative Diagnostik braucht. Entscheidend ist ein altersgerechter, hypothesengeleiteter Untersuchungsweg. |
Wie belastbar sind die Ergebnisse?
Die prospektive Erhebung, die große pädiatrische Stichprobe und die standardisierte fachärztliche Diagnostik sind klare Stärken. Dennoch stammen alle Daten aus einem hochspezialisierten universitären Zentrum. Die Prozentwerte sind daher keine Prävalenzangaben für die Allgemeinbevölkerung oder eine hausärztliche beziehungsweise physiotherapeutische Praxis.
Auch der datenbasierte diagnostische Algorithmus wurde aus derselben Kohorte entwickelt. Ohne unabhängige externe Validierung ist noch unklar, wie zuverlässig er in anderen Versorgungskontexten funktioniert. Die Studie beschreibt zudem Diagnosen und diagnostische Merkmale, nicht die Wirksamkeit einer bestimmten Therapie.
Fazit
In dieser spezialisierten Kohorte war die vestibuläre Migräne die häufigste Ursache von Schwindel bei Kindern und Jugendlichen. PPPD war ebenfalls häufig, während fast ein Viertel auf heterogene seltenere Diagnosen entfiel. Eine strukturierte, altersgerechte Anamnese und neurologisch-neurootologische Untersuchung kann häufige Syndrome differenzieren, seltene Ursachen gezielt erkennen und unnötige Diagnostik reduzieren.
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Für Patient:innen – einfach erklärt
Schwindel bei Kindern: Warum eine genaue Abklärung wichtig ist
Kinder beschreiben Schwindel oft anders als Erwachsene. Manche sagen, alles drehe sich. Andere berichten von einem „komischen Gefühl“, Übelkeit, Unsicherheit beim Gehen oder möchten plötzlich nicht mehr laufen. Deshalb ist es wichtig, nicht nur nach dem Wort „Schwindel“ zu fragen.
In einer aktuellen Studie wurden 519 Kinder und Jugendliche in einem spezialisierten Schwindelzentrum untersucht. Am häufigsten fanden die Ärzt:innen eine vestibuläre Migräne. Dabei können Schwindelattacken auch dann auftreten, wenn Kopfschmerzen nicht jedes Mal im Vordergrund stehen.
Was zeigte die Studie?
- 41 % hatten eine vestibuläre Migräne.
- 18 % hatten einen persistierenden postural-perzeptiven Schwindel (PPPD), der den Alltag deutlich belasten kann.
- 10 % hatten wiederkehrenden Schwindel des Kindesalters.
- Bei 23 % fanden sich unterschiedliche seltenere Erkrankungen.
Diese Zahlen gelten nicht für alle Kinder mit Schwindel. Untersucht wurde eine besondere Gruppe, die bereits an ein spezialisiertes Zentrum überwiesen worden war.
Wann sollte Schwindel ärztlich abgeklärt werden?
Wiederkehrender, starker oder neu auftretender Schwindel sollte ärztlich besprochen werden – besonders wenn zusätzlich neue neurologische Auffälligkeiten, starke Kopfschmerzen, Hörprobleme, Ohnmacht, Fieber, deutliche Gangunsicherheit oder eine rasche Verschlechterung auftreten. Bei plötzlich schweren Symptomen ist eine dringende medizinische Abklärung erforderlich.
Fazit
Schwindel bei Kindern hat viele mögliche Ursachen. Eine altersgerechte Anamnese und Untersuchung helfen, häufige Ursachen zu erkennen und seltene Erkrankungen nicht zu übersehen.
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